Bericht von unserem Besuch in der Massenunterkunft „Neckermann“

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hier der lange Bericht als pdf.

Wir waren von der Einladung des Regierungspräsidiums überrascht und hatten uns mit vielen Fragen vorbereitet. Zwei Mitarbeiterinnen des Regierungspräsidiums Darmstadt, genauso wie die Mitarbeiterin und die Mitarbeiter des ASB (Arbeiter Samariter Bund) nahmen sich viel Zeit und beantworteten unsere Fragen mit viel Geduld.

Der Besuch fand am Montag, 15.02.2016 statt. Sie dauerte ca zweieinhalb Stunden.

An dieser Stelle möchten wir auch ausdrücklich betonen, dass wir den Eindruck hatten und auch haben, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich wirklich und aufrichtig Mühe geben, die Umstände so weit sie können zu verbessern.

Das Grundproblem sehen wir aber in der Art der Massenunterbringung. Darin bestärkte uns unser Gesamteindruck bei der Begehung. Da wird die eine oder andere Verbesserung zwar etwas Entlastung oder Erleichterung bringen, doch die – vor allem – psychische Belastung bleibt. Dafür können weder die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwas, noch können sie es einfach mal so ändern.

Insgesamt herrscht eine bedrückende Stimmung. Gerade das dritte Stockwerk, wo auch die Duschräume sind und wo die Menschen ankommen und untersucht und wahrscheinlich auch durchsucht werden, hat bei uns einen negativen Eindruck hinterlassen. Wir verstehen jetzt mehr, warum sich die Menschen dort wie in einem Gefängnis vorkommen. Dieser Raum ist durchbetoniert, sehr kalt und fast bedrohlich. Bei der Ankunft ist man in einem Bereich, der durch Bauzäune abgegrenzt ist. Diese Umstände führen zu einer ersten unangenehmen Wahrnehmung direkt beim Ankommen.

Im vierten Stockwerk ist das Raumklima so schlecht – sei es durch offene Wickeleimer, durch Essensgerüche aus der Kantine oder Toilettengeruch – so dass dadurch auch gesundheitliche Risiken entstehen können. Der hohe psychische Stress, verursacht durch die bedrückenden Wohnverhältnisse, mangelnde Privatsphäre, räumliche Enge und schwierige Hygiene führt in der Zwangsgemeinschaft unweigerlich zusätzlich zu Spannungen. Menschen aus unterschiedlichen soziale Schichten, Kulturen und Sprachräumen mit sehr verschiedenen Gewohnheiten und Gepflogenheiten müssen miteinander leben wie in einer Familie. Insbesondere die großen Männerschlafräume erzeugen ein latent hohes Aggressionspotential, verstärkt durch deren erzwungene Untätigkeit. Das wiederum hat ganz und gar nichts mit Kultur und Herkunft zu tun. Wir sind der festen Überzeugung, dass dies ein sehr menschliches Phänomen ist.

Die hohen psychischen und physischen Belastungen wirken vor dem Hintergrund der Fluchterlebnisse der Bewohner noch dramatischer. Wir konnten erleben, wie Menschen auf den Fluren und in den Schlafräumen regelrecht abhängen oder hin- und herschlendern – ohne Ziel und Zweck. Wir müssen davon ausgehen, dass viele Menschen, darunter auch die Kinder, unter solchen Umständen mit ihren Traumata alleine gelassen sind.

Den Frauen fehlt jede Rückzugsmöglichkeit und jeder Schutzraum. Nur in den für alleinreisende Frauen gedachten Schlafraum können sie sich zurückziehen. Aber was ist mit all den anderen Frauen. Hier die Situation zu verbessern, sehen wir als eine der dringlichsten Aufgaben an.

Frauen, vor allem mit kleinen Kindern, sind durch die Massenunterbringung doppelt gestresst, da sie nicht nur ihre Kinder unter beengten, hygienisch schwierigen Verhältnissen versorgen müssen, sondern auch den Frust der durch ihre Kinder unvermeidlich gestressten Mitbewohnerinnen abbekommen

Die Kinder sind in dieser Situation völlig überfordert und erhöhen so das Stresspotential ihrer Eltern und aller MitbewohnerInnen. Die für sie schon vorhandenen und angedachten Angeboten reichen bei weitem nicht aus, um alle 470 derzeit dort lebenden Kinder zu versorgen.

Schon bei Aufenthalten, die länger als ein paar Tage sind, kann es zu extremen Spannungen kommen, das empfinden wir schon nach unserem kurzen Besuch als sehr nachvollziehbar. Tatsächlich hängen auch überall in den Fluren Hinweise, die vor Gewaltanwendung warnen und mit Rauswurf drohen, wenn Gewalt angewendet werden sollte. Auch wenn wir in dieser Frage beruhigt wurden und es hieß, dass es bisher zu nicht mehr als zwei Vorfällen gekommen sei, erscheint uns die Antwort als nicht sehr plausibel.

Ein großes Problem für die Geflüchteten ist die fortbestehende Unklarheit über die weitere Entwicklung und die nicht erkennbare Perspektive. Sie wissen nicht genau, was mit ihnen passieren wird, wie die Gesetze sich ändern, ob es für sie und ihr Herkunftsland besondere gesetzliche Entwicklungen gibt.

Verstärkt wird dies durch fehlendes Informationsmaterial, fehlende Beratungsangebote und Dolmetscher. Wir sind der Meinung, dass unbedingt mehr Informationen bereitgestellt werden müssen.

Die Politik der Massenunterbringung schafft Probleme, die durch Träger, Helfende sowie Beschäftigte der Landesregierung kaum gemildert werden können. Es muss eine gesellschaftliche Debatte darüber stattfinden, ob wir als hier lebende Menschen solche Massenunterbringungen mit Lager-Charakter mit unsrem Menschenbild vereinbaren können. Wir sind der Meinung, dass sich die BRD nicht in einer Katastrophensituation befindet, aus der heraus solche Art der Behandlung der Menschen resultieren könnte. Es ist eine politische Frage, wofür wer bereit ist finanzielle Mittel aufzubringen. Wir denken, dass Menschen es wert sind, würdig untergebracht zu werden. Das gilt für Geflüchtete genauso, wie für alle anderen hier Ansässigen.

Da die jetzige Asylpolitik die Menschen aus verschiedenen Ländern unterschiedlich behandelt, kommt es zu kulturellen Hierarchien in den Unterkünften, die das ohnehin hohe Spannungspotential zusätzlich verstärken.

Vor dem Hintergrund all dieser Eindrücke fordern wir die Landesregierung auf, folgende Maßnahmen zur Verbesserung der Situation in der Massenunterkunft Neckermann zu ergreifen:

  • sofortige Befassung mit der Forderung nach einer Unabhängigen Beobachtungsgruppe für die Massenunterkunft
  • Öffnung des Raumes für Beratungsstellen und Bereitstellung von Informationsmaterial von unabhängigen Beratungsstellen in Frankfurt am Main
  • Entwicklung eines Kinderschutzkonzeptes seitens des Frankfurter Jugendamtes für Massenunterkünfte
  • sofortige Schaffung von mehr Angeboten für Kinder – entsprechend der Anzahl der dort wohnenden Kinder. Es muss dafür ein Angebots- und Betreuungsschlüssel entwickelt werden.
  • Die sofortige Schaffung von Rückzugsräumen für Frauen
  • Die sofortige Beendigung des Besuchsverbots. Den Sicherheitsanforderungen kann durch Vorkontrollen begegnet werden. Art. 18 der EU-Richtlinie, der seit dem 20.07.2015 auch für / in Deutschland gilt, besagt, dass Besuche in Flüchtlingsunterkünften erlaubt sein müssen. § 44 Abs. 5 AsylG wird bald dementsprechend geändert werden.
  • Es sollte geprüft werden, ob es die Möglichkeit eines Begegnungsraumes auch im Neckermanngebäude geben kann und / oder ob die Stadt Frankfurt in Fechenheim eine solche Möglichkeit schaffen kann

Des Weiteren fordern wir das Land Hessen auf, alternative Möglichkeiten der Unterbringung von Geflüchteten zu prüfen. Wir sehen vor dem Hintergrund, dass es 42 000 Hotelbetten in Frankfurt am Main gibt und viele Häuser leerstehen, nicht als Sachzwang, also nicht als notwendig an Menschen unter solche menschenunwürdige Bedingungen unterzubringen.

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