Einen Schritt weiter!

Am vergangenen Freitag, den 05. Februar 2016 fand unsere Veranstaltung zum Thema „Massenunterkunft Neckermann“ statt. Mit unserem Offenen Brief hatten wir auf die Berichte der Geflüchteten aufmerksam gemacht, die uns von den untragbaren Zuständen in dieser Massenunterkunft berichteten. Wir konnten und wollten nicht, als kleine Initiative, die Verantwortung für diese Informationen, die an uns herangetragen wurden, übernehmen. Deshalb hatten wir verschiedene Menschenrechtsorganisationen und auch die Verantwortlichen von Land und ASB eingeladen, um über die Möglichkeiten der Verbesserung, aber auch um über unsere Forderung nach einer unabhängigen Beobachtungsgruppe zu sprechen. Leider waren die Vertreter des Trägers der Massenunterkunft, der Arbeitersamariterbund (ASB) und des Landes Hessen nicht zugegen.

Nachdem unser Offener Brief in der Presse aufgenommen und besprochen wurde, waren auch engagierte Frankfurterinnen und Frankfurter auf die Veranstaltung aufmerksam geworden. Wir freuten uns ganz über den zahlreichen Besuch bei der Veranstaltung. Es waren über 50 Menschen gekommen, auch freiwillige Helferinnen und Helfer. Sie hatten Kritik, Lob und gute Ideen mitgebracht.

Vertreter von Pro Asyl, Hessischem Flüchtlingsrat, Kinderschutzbund, der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, der Diakonie, der evangelischen Beratungsstelle am Weißen Stein, aber auch – wenn auch lediglich als private Gäste – Mitarbeiterinnen der Stabsstelle Flüchtlinge der Stadt Frankfurt am Main – waren zugegen und brachten sich in die Diskussion ein.

Besonders erfreulich fanden wir, dass die Forderung nach einer unabhängigen Beobachtungsgruppe sehr positiv aufgenommen wurde. Da uns kurz vorher eine email des Regierungspräsidiums mit dem Angebot einer Begehung der Neckermann-Unterkunft erreicht hatte, gehen wir auch mittlerweile davon aus, dass die Umsetzung unserer Forderung nicht allzu unrealistisch ist. Wir werden so schnell wie möglich eine erste Begehung mit Vertretern von Menschenrechtsorganisationen mit dem Regierungspräsidium vereinbaren.

Des Weiteren haben wir mehrere Vorschläge seitens der Besucherinnen und Besucher aufgenommen und möchten diese gerne bald in die Tat umsetzen:

Es wurde vorgeschlagen einen Begegnungsraum zu fordern, in dem sich Geflüchtete und Helfende, genauso aber auch Interessierte treffen und austauschen können. Ein Besucher erinnerte uns daran, dass Frau Birkenfeld im Rahmen der Informationsveranstaltung über „Neckermann“ in Fechenheim schon im Dezember 2015 vorgeschlagen hatte, dass eine  so genannte „graue Zone“ im Neckermann-Gebäude eingerichtet werden könnte, die wir lieber „Begegnungsraum“ nennen möchten. Wir möchten nun Frau Birkenfeld daran erinnern und konkrete weitere Schritte in diese Richtung planen.

Ein Beitrag seitens einer Helferin bezog sich auf das gemeinsame Interesse der Geflüchteten und Helferinnen und Helfer, wenn es um menschenwürdige Verhältnisse gehe. Wir alle wünschten uns doch bessere und würdige Lebensverhältnisse. Aus dieser Perspektive wäre es sinnvoll, wenn es einen Rat der Geflüchteten und Helfenden geben könnte, bei der wir uns auf Augenhöhe über unsere Forderungen gegenüber  Staat und Trägern austauschen könnten. Auch dieser Vorschlag wurde sehr positiv aufgenommen.

Eine Teilnehmerin der Veranstaltung berichtete, dass es auch in Offenbach in der großen Unterkunft keine haltbaren Zustände seien und dass es dort auch schon zu einem Proteststreik gekommen sei. Davon hatten wir leider nichts mitbekommen. Wie wir uns mit den Helfenden dort vernetzen können, müssen wir noch überlegen.

Des Weiteren wurde der Vorschlag für eine Forderung nach einer unabhängigen Beratungsstelle in Massenunterkünften allgemein eingebracht. Wir hatten schon vor der Eröffnung der Neckermann-Unterkunft diese Forderung auf der Informationsveranstaltung des Landes und der Stadt formuliert, aber leider nicht mehr verfolgt. Wir nahmen den Vorschlag auf und werden ihn ausformulieren.

Bernd Mesovic von Pro Asyl führte aus, dass gerade bei den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes vieles noch unklar sei, wie zum Beispiel wie lange die Menschen dort bleiben sollen und ob ihre Asylverfahren eventuell dort abgeschlossen werden und dann von dort Abschiebungen stattfinden sollen. Während bei Unterkünften der Stadt Frankfurt vor allem über die Bedingungen gesprochen werden müsse, kämen bei den Einrichtungen der Bundesländer diese Fragen hinzu.

Selbstkritisch müssen wir anmerken, dass es uns im Vorfeld der Veranstaltung und im Offenen Brief nicht gelungen ist, uns positiv auf die engagierte Arbeit von freiwilligen Helferinnen und Helfern zu beziehen und uns mit ihnen zu solidarisieren. Einige Helfende haben den Offenen Brief als Kritik ihres Engagements wahrgenommen. Ein Helfer sagte auch, dass er das nicht als Kritik gegen die Helfer verstanden habe, weil es so nirgends im Offenen Brief formuliert wurde. Wir gehen davon aus, dass es auf beiden Seiten einen Perspektivwechsel braucht: wir müssen darüber nachdenken, wie wir besser auf die freiwilligen Helfenden zugehen und einige der Helfenden könnten darüber nachdenken, warum sie den Offenen Brief „als Schlag ins Gesicht“ wahrgenommen haben. Die Darstellung in der Frankfurter Rundschau, nach der es bei der Veranstaltung nur Kritik seitens der Helfenden gegeben hätte, verwundert uns aber doch ein wenig. Erstens entspricht diese Darstellung schlicht nicht der Wahrheit. Es gab Kritik, aber diese Kritik war unserer Ansicht nach erstens eine konstruktive Kritik und zweitens wurde sie auch in diesem Sinne aufgenommen und führte zu dem sehr erfreulichen Ergebnis, dass gerade die kritischen Helferinnen und Helfer sich für eine zukünftige Zusammenarbeit aussprachen. Wir können alle aus unseren Mängeln und Fehlern nur lernen und gemeinsam lernt es sich erfahrungsgemäß am besten.

Aufbauend auf dieser positiven Stimmung möchten wir die nächsten Tage planen. Die Begehung des Neckermann-Geländes mit Vertretern der Menschenrechtsorganisationen steht als nächstes auf dem Plan. Dann werden wir gemeinsam mit den Geflüchteten und Helfenden genau ausarbeiten, wie eine unabhängige Beobachtungsgruppe sich konstituieren könnte, nach welchen Regeln sie arbeiten wird. Im Laufe dieser Zeit werden wir weiterhin aus der Unterkunft berichten und alle Mängel, die seitens der Geflüchteten an uns herangetragen werden, in die Öffentlichkeit tragen. 

Also wie gesagt: wir bleiben dran!

Welcome Frankfurt

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