Frankfurt = Kälte, Hunger, Krankheit

Bericht der Krankenschwester Sima S. aus Flüchtlingsunterkünften in Frankfurt/Main

Säugling in Gefahr
In der Nacht vom 17.09. auf den 18.09. war ich in einer Unterkunft, viele syrische Flüchtlinge erzählten draußen vor der Unterkunft. Die Wachleute haben zugehört, manche argwöhnisch, manche wollten helfen. Besonders schlimm war die Situation für eine syrische Familie, deren neun Monate altes Baby drei Tage keinen Stuhlgang hatte und fürchterlich schrie. Vermutlich hat es zu wenig Wasser und richtige Nahrung erhalten. Ich befürchtete, dass die Gefahr von Darmverschluss und Darmriss bestand. Ein Arzt hatte eine Ampulle an die Familie gegeben mit Beruhigungstropfen. Ich rief einen Arzt, der aber nicht helfen wollte, sondern wegging. Das Kind war akut gefährdet. Der Vater flehte, dass man seinem Kind hilft. Mir war klar, dass das Kind ins Krankenhaus muss.

Der Vater zeigte mir eine Bescheinigung des Roten Kreuzes, dass das Kind bereits vor drei Wochen in Gießen behandelt wurde wegen schwerer Atemnot und Husten. Plötzlich kam ein Arzt und gab dem Kind ein starkes Beruhigungsmittel. Das Kind schlief sofort ein und war still. Bei Atemproblemen sind Beruhigungsmittel sehr gefährlich. Die Verstopfung des Säuglings wurde nicht behoben, er wurde nur ruhig gestellt. Mit großer Sorge musste ich die Unterkunft verlassen.

Altes Brot und Hunger
Zuvor hatte ich drei junge Männer getroffen. Sie hatten keine Jacken und froren. Sie erzählten, dass die von Privatleuten vorbeigebrachten Spenden aussortiert werden: an Flüchtlinge werden die schlechten Sachen gegeben, die guten Sachen zur Seite geschafft. Das Essen war sehr wenig und sehr schlecht. Zum Frühstück gibt es altes Brot und Wurst für ALLE, auch für die Babies. Es gibt keine Babynahrung. Mittags: Trockene Nudeln mit wenig Sauce. Die Portionen sind viel zu klein, viele haben Hunger. Einige Flüchtlinge kommen wieder zum Hauptbahnhof zur Essensausgabe, weil sie Hunger haben.

Die Schlafplätze sind unhygienisch, auch die für Babies und Kleinkinder. Es gibt nicht ausreichend Betten für die Kinder, manche müssen mit der Mutter auf einem Feldbett schlafen. Nicht selten sieht der Schlafplatz (neben Feldbetten) so aus: Matratzen ohne Laken ohne Decken auf dem Boden.

Wer sind Sie überhaupt?
In der Nacht vom 12.09. auf 13.09 brachten wir gegen 22:00 Flüchtlinge in die Unterkunft. Es waren vier junge Männer, die krank waren und drei Tage Durchfall, Magenschmerzen und Übelkeit hatten. Sie warteten stundenlang in der Unterkunft. Ich sprach Sanitäter an wegen dem Durchfall und wies darauf hin, dass das auch ansteckend sein kann und die Männer ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Die Gegenfrage lautet: „Wer sind sie?“ Ich antwortet, dass ich Krankenschwester bin. Daraufhin wurde ein Arzt geholt. Der fragte nur: „Wer sind sie überhaupt? Ich bin hier der Arzt!“ und entfernte sich wieder. Die Sanitäter waren bereit zu helfen, der Arzt lehnte es ab, sie seien nur für Notfälle zuständig. Ich fragte, ob ich die drei ins Krankenhaus bringen kann, Nein. Auch diese Männer hatten Hunger, es gab aber weder Essen noch Wasser. Ich fragte bei der Klamottenausgabe nach und wurde von Pontius zu Pilatus geschickt. In einer Kantinenecke gab es Essen, es durfte aber nicht ausgegeben werden. Auf was sollten die kranken Menschen warten? Ihre Aufnahme, ich vermute also Registrierung durch das Rote Kreuz.

Gegen 4:30 kam ich in eine andere Unterkunft. Dort gab es überhaupt keine Decken, nur dünne  Papierdecken, die Menschen – darunter viele Kinder – froren. Viele Flüchtlinge waren bereits erkältet,  hatten Husten und Halsschmerzen. Es gab keine Dolmetscher und auch kein Essen, obwohl die Flüchtlinge teilweise lange nichts mehr gegessen hatten. Es gab auch keine Handtücher.

Warum wird das zugelassen?
Ich bin schockiert über die Zustände in den Unterkünften und auch über das Verhalten einiger Ärzte. Der Verweis auf die Notversorgung kann nicht rechtfertigen, dass die Gesundheit von Säuglingen aber auch von Erwachsenen aufs Spiel gesetzt wird. Warum werden offensichtlich kranke Menschen nicht ins Krankenhaus gebracht und versorgt? Nur wegen der Registrierung? Warum werden keine hygienischen Standards eingehalten? Warum gibt es keine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser? Dies führt zu Krankheiten, erst recht bei ohnehin durch tagelange Flucht und Strapazen geschwächten Menschen. Gibt es in dieser Stadt nicht genug Lebensmittel, Decken und Betten und vor allem medizinische Versorgung für Menschen, die schon soviel erleiden mussten?   

Sima S., Krankenschwester

Frankfurt am Main, 18.09.15

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